Vom Problem zur Lösung: Interview mit Dr. Almut Koesling, Männerbüro Hannover e. V.

Dr. Almut Koesling, Erziehungswissenschaftlerin und Systemische Therapeutin (SG), spricht über die Aufgaben und Ziele des Männerbüros Hannover. Die Mitarbeiter*innen des Männerbüros unterstützen bei der Lösung von persönlichen und zwischenmenschlichen Konflikten und Problemen – beispielsweise zu den Themen psychische Gesundheit, Beziehung, Partnerschaft.

Transkription:

Das Männerbüro Hannover ist ein eingetragener Verein, der 1996 gegründet wurde. Schon eine Weile her, wir haben auch schon Jubiläum gefeiert. Und zwar von engagierten Männern, die fanden, dass es wichtig und richtig ist, dass es ein geschlechtsspezifisches Beratungsangebot auch für Männer gibt. Vor allem – aber auch nicht nur – zu dem Thema Gewalt und Geschlecht. Das Männerbüro Hannover unterhält heute zwei Beratungsstellen: Zum einen das Männerbüro Hannover und zum anderen die Beratungsstelle Anstoß. Die ist im Jahr 2000 dazu gekommen und war damals bundesweit die erste Einrichtung, die sich an Jungs und männliche Jugendliche gerichtet hat, die selber Opfer sexualsierter Gewalt geworden sind. Im Männerbüro Hannover und in der Beratungsstelle Anstoß gibt es ganz unterschiedliche Arbeitsbereiche. Zum einen beraten wir Männner – wie eine ganz normale Beratungsstelle – in allen möglichen Lebenslagen. Das läuft unter der Überschrift „allgemeine Lebensberatung“. Also meint, dass sich Männer, aber auch Frauen durchaus, an uns wenden, die in einer Krise stecken. Ängste, bestimmte Schwierigkeiten im Leben mit Unterstützung meistern wollen. Und dann gibt es – relativ breit gefächert – Beratungsangebote spezifisch zu den Themen Gewalt und Geschlecht. Zum einen kommen da männliche Opfer sexualisierter Gewalt zu uns, in die Beratungsstelle Anstoß. Auch Jungs und männliche Jugendliche. Aber auch erwachsene Männer, die Opfer sexualisierter Gewalt geworden sind. Für diese Gruppen ist es wichtig, ein geschlechtsspezifisches Beratungsangebot zu haben. Wir beraten auch Männer, die Opfer von häuslicher Gewalt geworden sind. Das ist nach wie vor gesellschaftlich vielfach ein Tabuthema. Dann haben wir auch einen ausgebauten Arbeitsbereich, oder vielmehr diverse, zu den Themen Männer als Täter von Gewalt. Das reicht von allgemeiner Gewalt, die oftmals auch Gewalt zwischen Fremden ist. Auch durchaus Mobbing am Arbeitsplatz et cetera betriftt. Das ist ein Angebot, dass sich an erwachsene Klienten richtet. Wir arbeiten mit Tätern sexualisierter Gewalt. Das betrifft nicht nur die konkrete physische Gewalt und Übergriffigkeit und Gewalthandlungen. Sondern auch – das ist auch eine Form von Gewalt – den Konsum von Missbrauchsabbildungen. Wir haben ein Angebot für sexuell grenzverletzende männliche Jugendliche, mit denen wir hier arbeiten. Und dann haben wir den Arbeitsbereich Täterarbeit im Bereich häuslicher Gewalt. Wo wir zum einen proaktiv – nach Vorfällen häuslicher Gewalt, die gemeldet werden – Kontakt aufnehmen und Beratung anbieten. Dann gibt es einen Bereich mit sozialen Trainingskursen. Und wir haben auch ein spezialisiertes Angebot für Väter, die gegenüber ihren Kindern gewalttätig geworden sind.

Schon an den verschiedenen Themen und Arbeitsbereichen ist zu erkennen, dass es ganz unterschiedliche Wege sind. Auch je nachdem, ob sich jemand zum Beispiel als Opfer von Gewalt oder als Täter oder Beschuldigter oder in einer Situation, wo Gewalt vielleicht gar kein Thema ist, an uns wendet. Das heißt, dass vielfach Therapeut*innen oder Mediziner*innen an uns überweisen. Auch aufgrund von langen Wartelisten oder aufgrund der geschlechtsspezifischen Ausrichtung. Vielfach werden Männer an uns verwiesen durch andere Personen. Das können Fachkräfte sein, sei es im Bereich Strafrecht oder im Bereich Medizin. Oder auch von anderen Beratungsstellen. Die uns aufgrund unseres Arbeitsschwerpunkts, nämlich Gewalt und Geschlecht, empfehlen. Dann gibt es auch in den Bereichen, wo wir mit Tätern arbeiten – ich benutze jetzt einfach diesen Begriff – natürlich auch justizielle Weisungen. Das bedeutet, dass aufgrund einer gerichtlichen Auflage verfügt worden ist, dass jemand einen sozialen Trainingskurs bei uns absolvieren soll, um eine Verhaltensänderung zu erzielen. Das kann Teil sein eines gerichtlichen Beschlusses oder eines Urteils. Oder das kann auch angezeigt sein, bevor es zu einer Anklage kommt. Das ist ganz unterschiedlich. Dann gibt es, gerade im Bereich häusliche Gewalt, unseren proaktiven Ansatz. Den wir zusammen mit der Interventionskette hier in Hannover, auch in der Region Hannover, verfolgen. Das heißt, wenn es zu häuslicher Gewalt kommt und in dem Zuammenhang eine Strafanzeige vorliegt, und es einen Polizeieinsatz gegeben hat, dann wird tatzeitnah Kontakt zu den Beschuldigten und den Geschädigten aufgenommen. So dass schon im besten Fall eine kurze Zeit nach der Tat eine Beratung angeboten werden kann. Um zu verhindern, dass weitere Gewalt passiert. Und die Beteiligten dahingehend zu beraten, dass sie andere Strategien finden, miteinander, mit der Situation, und ohne Gewalt, Konflikte zu bewältigen. Das bezieht sich auch auf männliche Opfer, genauso wie auch männliche Beschuldigte, die wir hier geschlechtsspezifisch beraten. Und denen wir unterschiedliche Beratungs- und Trainingsangebote machen können. Auch seitens der Jugendämter bekommen wir Empfehlungen. Wenn es etwa einen Gewaltvorfall in einer Familie mit Kindern gibt. Dann kann es sein, dass dem Vater (bzw. sozialen Vater, Lebensgefährten, wem auch immer) empfohlen wird, sich bei uns beraten zu lassen, um Erziehungskonflikte anders angehen zu können. Jugendämter wenden sich auch an uns, wenn sie befasst sind mit männlichen Jugendlichen, die sexuell grenzverletzend geworden sind. Wir beraten ja nicht nur private Klienten, sondern wir bieten auch Fachberatung für Fachkräfte in Schulen, Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen et cetera. Also es gibt vielfältige Wege. Manche recherchieren auch und finden uns im Internet. Und beschließen dann, dass sie hier bei uns richtig sind. Ich könnte das noch einmal abstrahieren: Es gibt Menschen, die selbstmotiviert zu uns kommen. Oder justiziell motiviert, fremdmotiviert durch andere Einrichtungen oder möglicherweise auch Personen wie die Partnerin oder der Partner im Lebensumfeld, die sagen: Mensch, wäre vielleicht ganz gut, wenn Du Dir mal Beratung suchst. Das kommt zum Beispiel bei mangelnder Impulskontrolle und Aggressivitätsausbrüchen vor.

Das ist gar nicht so einfach mit der Prävention. Wir haben Präventionsangebote, die sich vor allem an Kinder und Jugendliche, in Schulen zum Beispiel, richten. Wo entweder die Kinder und Jugendlichen hierher kommen und eine Einheit machen. Oder unsere Kolleginnen und Kollegen in die Schulen gehen und dort Präventionsveranstaltungen machen zum Thema sexualisierte Gewalt zum Beispiel. Erwachsene Männer im Rahmen von Prävention zu erreichen, ist meiner Erfahrung nach nach wie vor nicht so einfach. Wir betrachten trotzdem unsere Arbeit als Prävention im weitesten Sinnne. Oftmals kommen Männner, die gewalttätig geworden sind, zu uns. Die sind dann schon gewalttätig geworden. Oft auch physisch. Und dann würde ich unsere Arbeit begreifen als Teil davon, weitere Gewalt zu verhindern. In dem Sinne präventiv. De facto haben wir natürlich viele Klienten hier, die quasi als Resultat einer Gewalthandlung erst bei uns auftauchen. Was vielleicht noch wichtig ist: Im Sinne der Prävention arbeiten wir hier in unseren Beratungen und auch in den sozialen Trainings auch ganz stark daran, dass die Männer auch lernen, besser auf sich selbst zu achten. Sich zu spüren. Ausbau von Selbstfürsorge könnte man im Grunde sagen. Ein wichtiger Teil der sozialen Trainings, gerade im Bereich von Gewalt, ist die eigenen Kommunikations- und Verständigungskompetenzen zu schulen. Wie spreche ich gut über mich und meine Bedürfnisse? Wie erkenne ich diese überhaupt? Auch eigene Grenzen zu erkennen: Woran merke ich zum Beispiel, dass mir etwas zu viel ist? Und darf ich das dann jemand anderem mitteilen? Darf ich auch in der Partnerschaft sagen: Ich möchte das jetzt nicht! Zum Beispiel. Das sind ganz wichtige Aspekte, unseres Erachtens nach, von von Prävention im Sinne von Verantwortungsübernahme für das eigene Befinden. Denn nur wenn ich selber weiß: „Wie geht es mir?“, „Was brauche ich jetzt?“ – und das kommunizieren kann – nur dann ich richtig für mich sorgen und auf meine Grenzen achten und das dann genau so auch bei anderen machen. Also Stärkung von Abgrenzungskompetenzen einerseits, und andererseits die Möglichkeit: Ich kann mich besser verständlich machen. Auch in der Beziehung. Auch in dem Zusammenhang zu lernen: Wenn ich zum Beispiel wütend bin, was hilft mir dann eigentlich? Welche Strategien stehen mir zur Verfügung, um mit meinen eigenen Gefühlen von Aggression und Wut umzugehen? Dürfen die überhaupt sein? Und was mache ich dann damit? Wir kann ich diese vielleicht konstruktiv umsetzen? Weil wir ja auch nicht auf dem Standpunkt stehen, dass Aggressivität etwas schlechtes ist. Das markiert ja eine Grenzüberschreitung oftmals.

Wenn Männer selber von Gewalt betroffen sind, dann steht das im Widerspruch zu vorherrschenden gesellschaftlichen Rollenstereotypen von Männern und von Männlichkeit. Und das macht es für viele Männer, die Opfer von Gewalt geworden sind, sehr schwer, sich Hilfe zu holen. Das bedeutet: Es ist wichtig, ein niedrigschwelliges Angebot zu haben. Wir haben das zum Beispiel in Bezug auf die Opfererfahrung, die Männer im Bereich häuslicher Gewalt machen. Hier in Hannover und der Region so, dass wir proaktiv auf von häuslicher Gewalt betroffene Männer zugehen können und Beratung anbieten. Und es ist wichtig, dass dieses Beratungs- und Untersützungsangebot sich geschlechtsspezifisch an die Männer wendet. Mit dieser Sensibilität im Hintergrund, was Männlichkeitsbilder und -vorstellungen mit der Erfahrung, Opfer zu werden, machen. Von dem Beratungsangebot für von sexualisierter Gewalt betroffene Kinder, Jugendliche und Männer hatte ich auch schon berichtet. Diese Beratungsangebote und dass es sie gibt und dass sie bekannt werden, dass wir also auch auftreten in der Öffentlichkeit – auch einige Fernsehsendungen, Mona Lisa zum Beispiel hatte mal einen Beitrag gebracht, das Thema also in der Öffentlichkeit immer mal wieder in den Blick zu rücken, entfaltet eine Signalwirkung, die es auch anderen Betroffenen – so hoffen wir – es eher ermöglicht, sich auch an uns zu wenden. Uns ist auch daran gelegen, dass das Thema Männer als Opfer gesellschaftlich sichtbar wird.

Mit Blick auf meine Arbeit, vor allem in den sozialen Trainingsgruppen, fällt mir spontan ein: Ich hatte einige Gespräche mit Klienten, für die war Gesundheit vor allem Sport. Und das war dann schnell auch mit Leistungsfähigkeit verknüpft. Und an der Stelle fand ich es ganz interessant, dass es nicht immer so einfach war zu erforschen: Was bedeutet denn Gesundheit noch? Ist es nur Sport und Leistungsfähigkeit? Was ist alles noch der Gesundheit zuträglich? Und da sind wir wieder beim Thema Selbstfürsorge und die eigene Befindlichkeit zu beobachten. Ich glaube, dass ist ein ganz spannendes Thema. Das wahrscheinlich auch nicht nur Männer betrifft. Also die Frage danach: Heißt Gesundheit einfach leistungsfähig zu sein? Wie komme ich dahin? Und bedeutet Selbstfürsorge nicht auch mal einfach innere Einkehr, Nichtsmachen, nach Innen horchen? Gesundheit bedeutet nicht nur Aktivität, sondern auch Ruhe. Das wäre mein Gedanke dazu.